Bähm

S.: „Das ist wirklich der letzte Schrei, das musst du unbedingt ausprobieren, ich habe es letzte Woche mal gecheckt und es war voll geil, Alda“
Der neue Trend den Kinder erst wieder lernen müssen:
I’m happy, because I’m bored.
Kinder müssen sich langweilen. So bald eine Handlung oder Aktivität abgeschlossen ist und das Kind 2 Minute abwarten soll, beschwert es sich, dass ihm langweilig ist. Familientherapeut Jesper Juul erklärt, warum es für die Entwicklung des Kindes wichtig ist, dass sie sich gelegentlich fadisieren.
Jesper Juul:

„Viele Institutionen, die Nachmittagsbetreuung, Sportcamps und auch die Medien sind voll von Animationsangeboten. Sie haben alle eines gemeinsam: Sie bieten Eltern Ideen und Strategien an, um Langeweile bei ihren Kindern zu vermeiden. Ich möchte eine Lanze für die Langeweile brechen.
Es geht mir nicht darum, Eltern zu kritisieren, die ihre Zeit mit ihren Kindern genießen, die Ferien und Wochenenden nutzen, um Museen zu besuchen, gemeinsam im Garten zu arbeiten, Fahrräder zu reparieren oder gemeinsam Sport zu treiben.
Ich wende mich an Eltern, die sich unter Druck gesetzt fühlen: diejenigen, die ständig darüber nachdenken, was sie mit den Kindern unternehmen könnten, und die sich schuldig fühlen, weil sie sich eigentlich lieber entspannen würden. Hier sind einige Ideen für diejenigen, die zusammenzucken, wenn sie ihre Kinder sagen hören: „Mir ist fad!“
Eltern und Kinder sind Konsumenten geworden. Das führt dazu, dass vielen Kindern langweilig wird, sobald die externe Stimulation fehlt. Es ist ihnen fad ohne Computerspiele, DVDs und Fernsehen. Auch Kindertagesstätten und Schulen setzen auf externe Stimulation. Wenn Kinder dem den ganzen Tag lang ausgesetzt sind, erhalten sie eine Überdosis davon.
Viele Eltern fühlen sich förmlich genötigt, diese inspirierenden Aktivitäten zu Hause fortzusetzen. Den Druck erzeugen dabei eigentlich die Kinder, denn sie wurden schlichtweg „stimulationssüchtig“ gemacht. Ohne Anregung oder „Bespielung“ haben sie regelrecht Entzugserscheinungen. Sie beschweren sich und fordern von den Eltern, unterhalten zu werden. Wenn die Eltern noch genügend Energie haben, werden sie mit den Kindern Dinge unternehmen. Diejenigen, die müde sind, geben den Kindern einen Stapel DVDs oder schicken sie auf ein Kindercamp, damit andere Menschen sie unterhalten.
Mein Vorschlag: Lassen Sie Ihre Kinder sich langweilen. Sie können das mit reinem Gewissen tun.
Die meisten Kinder erleben eine unangenehme innere Unruhe, wenn sie sich langweilen. Der Grund: Sie versuchen, eine Balance zu finden zwischen dem Konsumieren von externen Reizen und ihrer eigenen inneren Kreativität. Jüngere Kinder wissen, dass diese Unruhe oder Langeweile nicht einfach zu beruhigen ist.
Wenn Kinder sagen, dass ihnen langweilig ist, und Eltern dann sofort eine Idee anbieten, weisen die Kinder diese in den meisten Fällen umgehend zurück. Wenn Eltern einige wenige Minuten lang warten, werden sie aber feststellen, dass sich ihr Kind bereits in etwas vertieft hat.
Langeweile ist der Schlüssel zur inneren Balance – egal in welchem Alter.
Diejenigen, die die Unruhe vorbeiziehen lassen, kommen in Kontakt mit ihrer Kreativität. Unsere Kreativität ist der Raum, in dem wir uns spüren, uns selbst kennenlernen, uns selbst ausdrücken und die Erfahrung von Selbstverwirklichung machen. Was sich noch vor einer Stunde wie eine unangenehme Stille anfühlte, erzeugt plötzlich inneren Frieden und wird zur emotionalen Aufladestation.
Für Kinder ist es wichtig, ihrer inneren Kreativität zu folgen. Es macht sie unabhängig von äußerer Anerkennung und Zustimmung. Kreativität ist zentral, um Selbstwert zu entwickeln. Kinder, die sich gelegentlich langweilen, werden eine größere innere Ruhe spüren, die ihre soziale Kompetenz fördert.
Wenn Ihr Kind zu Ihnen kommt und sagt: „Mir ist sooo langweilig“, dann umarmen sie es und sagen: „Herzlichen Glückwunsch, mein Freund! Es interessiert mich, zu sehen, was du jetzt tust.“ Sie können das mit einem absolut reinen Gewissen sagen. Vielleicht ist Ihr Kind kurz irritiert, aber Sie geben ihm damit eine wertvolle Gelegenheit, mit seinen inneren Stimuli in Kontakt zu kommen, anstatt sich auf die äußeren zu verlassen.
Noch besser wäre es, wenn sie sich gemeinsam langweilen: Sie werden bemerken, dass Sie plötzlich über Dinge sprechen und sich gegenseitig erzählen, die nur auftauchen, wenn der „Unterhaltungsmodus“ ausgeschaltet ist und Sie die innere Unruhe überwunden haben. Das ist der Punkt, an dem echte Nähe möglich wird. Sie können das auch mit Ihrem Partner ausprobieren.
Wir können uns aus unserer Konsumentenrolle nicht befreien. Aber wir können sie steuern und unseren Kindern dabei helfen herauszufinden, wie ihnen das selbst gelingt.“